Würze versus Banalität der Frucht

In den allermeisten Weinbeschreibungen finden sich Früchte wieder, manchmal so viele, dass man versucht ist von Obstsalat zu sprechen. Tutti frutti kommt offenbar bei vielen Weintrinkern gut an, vermutlich auch, weil es sich leicht erschließt und sich leicht verständliche Weine stets unkomplizierter (ver-) kaufen lassen. Sie benötigen kaum Beratung und wenig Vorkenntnisse, und so passt es gut, dass bei uns mehr als 80% aller Weinflaschen aus Selbstbedienungsregal gekauft werden. Dort findet man daher vor allem Weine, die mittels moderner Kellertechnik vordergründig auf Frucht „getrimmt“ sind. In der Regel sind das zumeist Weine aus dem allerneuesten Jahrgang, die auch jung getrunken werden sollten, denn die fruchtigen Aromen reduzieren sich mit jedem Monat, den der Wein auf der Flasche ist.

Auch ich habe fruchtige Weine in meinem Keller, manche, wie den feinduftigen Muskateller oder die Scheurebe suche ich gerade wegen ihrer Frucht aus, aber ich achte bei der Auswahl besonders darauf, dass die Weine in der Nase und am Gaumen nicht nur fruchtig sondern vielschichtig und würzig sind.

Diese Weine kommen dann von Winzern, die nicht allein auf die Kellertechnik bauen sondern dem Abenteuer der Natur in Weinberg und Keller vertrauen. Sie lesen ihre Trauben selektiv von Hand, können häufig mit den natürlich wilden Hefen vergären und im Keller auf die üblichen »Korrekturen« und Manipulationen ihrer Weine verzichten.

Einen Riesling, der für mich exemplarisch die Würze gegenüber der Frucht betont, ist der 2015er Schloß Fürstenberg -S- Riesling „trocken“ – Weingut Matthias Müller .

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„Schloß Fürstenberg“, das ist der ortsfreie rheinnahe Teil der Lage Oberdiebacher Fürstenberg, der unterhalb des „Schlosses“ liegt. In den einschlägigen Weinbergs-lagenverzeichnissen findet sich nur der Oberdiebacher Fürstenberg, im Gesamtwerk Deutscher Wein, Ahr und Mittelrhein, Seite 193 wurde ich aber fündig:
„Die (erg.: die Burgruine) umgebenden Weinberge von 5 Hektar waren im Alleinbesitz (erg.: des Weingutes, dem die Burgruine gehört), sind jedoch inzwischen verkauft. Attraktivste Voraussetzung war sicher die Einzellagenbezeichnung dieser Weinbergsfläche. Ähnlich der Rheingauer Lage „Schloss Vollrads“ wurde durch Landesgesetz innerhalb der Gemeinde ein eigenständiger, lagenfreier Ortsteil geschaffen. (…) die Weine um die ehemalige Burg dürfen sich seit 1971 auf dem Etikett mit „Schloß Fürstenberg“ auszeichnen.“

Beim „Schloß Fürstenberg“ handelt es sich somit also um den Teil des alten Oberdiebacher Fürstenbergs, der in unmittelbarer Nähe der Burgruine Fürstenberg und damit in Sichtweite des Rheins liegt. Offenbar hat das Weingut Matthias Müller nun die Rebflächen in Obhut, die vor wenigen Jahren noch von Florian Weingart genutzt wurden.

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Helles Goldgelb, in der Nase kühle Mineralität, nur leicht gelbfruchtig, leichter Rauch, der sich auch am Gaumen wiederfindet, feine Würze, präsente reife Säure 8,9 g/L, Restsüße nur hintergründig 6 g/L, feine Mineralität, guter Griff und Nachhall.
Ein sehr schöner Mittelrheinriesling des Jahrgangs 2015, der sich noch weiter entwickeln wird.

Urheber  des Bildes vom Obstsalat : 4028mdk09

Commons.wikimedia.org

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