Mittelrheinweinmesse

Wollte sie einen kompletten Überblick über das Weinanbaugebiet Mittelrhein geben, dann müsste sich die Veranstalterin der Mittelrheinweinmesse, die Vereinigung Bacharacher und Steeger Weingüter 1863 e.V., einen anderen Veranstaltungsort suchen, denn obwohl fünf der ursprünglich angesagten Weingüter fehlten, darunter leider auch das Weingut Matthias Müller aus Spay, vermittelte die Halle nicht den Eindruck einer besonderen räumlichen Großzügigkeit. Wäre die Messe aber auch für Weingüter wie Weingart aus Spay, Schneider aus Bad Hönningen, Lorenz aus Boppard, Didinger aus Osterspai… interessant, um nur einige zu nennen, deren Weine immer mal wieder in meinen Keller wandern, wohin dann mit der Messe, die schon jetzt aufgrund der räumlichen und akustischen Voraussetzungen  der Mittelrheinhalle in Bacharach an ihre Grenzen gerät?

Apropos Akustik, die im wesentlichen von den Besuchern der Messe getragen wird: Es war laut, konzentriertes Verkosten für mich daher stark beeinträchtigt, ebenso die Gespräche mit den ausstellenden Winzerinnen und Winzern. Zur Lautstärke trugen nicht unerheblich jene Besuchergruppen bei, die dem Motto Schlucken statt Spucken huldigten. Manchen war nicht klar, welchen Zweck die zylindrischen etwa 1,20 Meter hohen Behältnisse haben sollten, nutzen sie als Mittelpunkt für ihre Unterhaltungen und wunderten sich darüber, dass plötzlich jemand mitten zwischen ihnen ausspuckte, andere waren beim Rückweg in die Stadt nicht mehr so trittsicher wie sie als geübte Mittelrheinweinmessenbesucher sein könnten, da sich doch ihr Besuch der Messe  zum 25. Mal wiederholt hat. Für 15 Euro pro Person kann man sich von 12 bis 18 Uhr schon mal gepflegt die Kante geben. Überflüssig auch die Wahlkampfauftritte lokaler Landratskandidaten bei der offiziellen Eröffnung! Zum Glück waren diese lautstarken Gruppen in dem Zeitraum, in dem ich mich in der Messehalle aufhielt (bis gegen 14.30 Uhr) nicht in der Mehrheit. Wer ernsthaft und konzentriert Verkosten möchte, dem sei daher möglichst frühes Erscheinen, die Messe hat ab 12.00 Uhr geöffnet, empfohlen. Vielleicht  sollte die Veranstalterin sich hinsichtlich Intention und Zielgruppen ihrer Weinmesse noch einmal Gedanken machen, denn trinkende Weinfreunde und ernsthafte Verkoster, die für ihren Weinkeller, ihren Handel oder als Journalisten Weine probieren wollen, sind nur in gewissen Maßen miteinander kompatibel.

Ein wirklicher Überblick über das Weinanbaugebiet Mittelrhein kann aufgrund der räumlichen Beschränktheit und fehlender Weingüter also nicht gegeben werden, interessant war die Messe für mich vor allem deshalb, weil ich mir in gebündelter Form einen Überblick über die Eigenarten des Jahrgangs 2016 am Mittelrhein verschaffen konnte.

Die Charakteristik des Jahrgangs 2016 am Mittelrhein, um nicht das Wort „Problematik“ zu gebrauchen, ist die im Jahrgangsvergleich verhältnismäßig geringe Säure der verkosteten Weine. Ein Blick in die Preisliste des Ökoweinguts Dr. Kauer aus Bacharach sei hier als ein Beispiel für viele Weingüter angeführt:

Während der fruchtige Riesling Kabinett aus dem Fürstenberg in 2015 mit 9,5 g/l Säure auf die Flasche kam, liegt die Säure 2016 nur bei 8,7g/l. Bei der „trockenen“ Kloster Fürstental Spätlese liegt das Verhältnis bei 8,7 zu 7,2, bei der „trockenen“ Ölsberg Spätlese bei 8,7 zu 7,7, bei deren „feinherben“ Pendant sogar bei 9,0 zu 7,3. Sei`s drum, das sind doch nur Werte auf dem Papier, mag nun jemand einwenden. Ja, da hat er recht, und ich weiß auch nicht, in wie weit vor allem die Lagerfähigkeit und Entwicklung der 2016er durch diese geringeren Säurewerte beeinflusst wird. Aber, darauf sei hingewiesen, die niedrigen Säurewerte sind deutlich schmeckbar! Wer wie ich die Mittelrheinweine gerade auch wegen ihrer ausgeprägten Säurefrische liebt, der könnte wie ich vom 2016er eher enttäuscht sein. Hinzu kommt, dass bei vielen Weingütern die Süße leider nicht der niedrigeren Säure angepasst wurde. Der oben erwähnte Fürstenberg Kabinett kommt in 2016 mit folgenden Werten daher: 9,5 vol%, 8,7g/l Säure und 40g/l Restsüße. In 2015 sahen die Werte so aus: 10,5 %vol, 9,5g/l Säure und 33g/l Restsüße. Kein Wunder also, dass der Wein in 2016 deutlich süßer schmeckt. Da ich Weine vor allem zum Essen kombiniere und mir daher ein Grad Alkohol weit weniger ausmacht als deutlich mehr Süße, werde ich mir sehr sorgfältig aussuchen müssen, welche 2016er Weine meinen Geschmack treffen. Viele werden es wohl nicht sein.

Überhaupt habe ich neben der Säure vor allem eines vermisst, den Mut der Winzerinnen und Winzer. Kein einziger Wein, der mal mit deutlich unter 4g/l Süße daherkommt (ja, am Mittelrhein wäre das mutig!), kein Wein aus offener Maischegärung,…also keine Experimente. Viele Weine der Winzer aus der zweiten Reihe kamen stattdessen mit deutlichen Eisbonbonnoten (Kaltgärhefen?) ins Glas, ein Winzer erklärte mir, dass das der Wunsch der jungen Konsumentinnen und Konsumenten sei. Auch manche Gefälligkeitsgewächse ohne ausgeprägten eigenständigen Charakter waren leider dabei. Na dann, Prost!

Im Vergleich der auf der Messe vertretenen Weingüter untereinander sehe ich zuverlässig an der Spitze die Weingüter Lanius-Knab (hier eine deutlichere Säure als im Durchschnitt der probierten 2016er, schön!), Ratzenberger, Dr. Kauer und Toni Jost. Auf jeden Fall probierenswert die Gewächse des zum ersten Mal an der Messe teilnehmenden Weinguts Weiler-Fendel aus Oberwesel: Nasenweine, Weine mit ausgeprägten Aromen jenseits von Eisbonbons und Pfirsichfrucht und einem schönen Tiefgang.

Auch einen „Geheimtipp“ habe ich entdeckt:

20170527_155506[1]

Bevor ich über dieses mir bislang unbekannte Weingut schreibe, will ich diesen Tipp erst noch anhand von Weinen aus den Vorgängerjahrgängen verifizieren.

20170527_155551[1]

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